Freitag, 15. August 2014

blaue Milch

Heute morgen bin ich dann mit meinem Besuch in die Stadt gefahren, habe kurz den Reinraum, meinen Arbeitsplatz und die Kaffeemaschine präsentiert und dann haben sich unsere Wege getrennt: ich habe Kleber gemessen und Daten über Kohlefaser ausgewertet und mein Besuch hat sich die Kathedralen, Museen und Straßen von Liverpool angesehen.

Als ich dann die Kaffeetassen abgewaschen habe, ist mir etwas passiert, was mir sonst noch nie passiert ist: ich habe im Waschraum jemanden getroffen (genau genommen stand ich da und habe abgewaschen und eine Frau kam zur Tür rein und hat sich furchtbar erschrocken - dann mussten wir beide lachen und haben festgestellt, dass wir nicht erwartet hatten, jemanden zu treffen).

Und heute war natürlich Freitag, also waren wir alle etwas gesprächiger als sonst (auf mich färbt es auch langsam ab): als Tony und ich uns auf der Suche nach Tim in Tims Büro getroffen haben, haben wir uns danach eine halbe Stunde unterhalten: Tony hat (schlechte) Neuigkeiten zu unser aller Zeitplan bekommen, die ihn deprimiert haben, und musste etwas aufgemuntert werden.
Also habe ich ihm erzählt, dass wir seit Wochen mittelmäßig erfolglos versuchen, die Poissonzahl zu bestimmen und Wissenschaft eben heißt, dass man vorher nicht weiß, wie es geht.
Da hat er erzählt, dass, wenn man es genau durchrechnet und die Zusammensetzung berücksichtigt, Milch eigentlich leuchtend blau sein müsste. Was sie aber nicht ist. Manchmal kann man eben nicht alles ausrechnen.

Nachmittags haben wir uns dann nochmal getroffen, wieder auf der Suche nach Tim, der dann später dazukam, und alle zusammen gemütlich eine Tasse Kaffee getrunken. Diese Art von Freitagen gefällt mir immer besser.

Kurz vor Schluss haben Tim und ich noch versucht, ein paar Messungen auszuwerten, haben aber festgestellt, dass wir da vielleicht noch etwas nachlesen müssen, und dann habe ich mich wieder mit meinem Besuch getroffen (der jetzt mehr von Liverpool gesehen hat als ich :) und wir waren im wunderschönen Philharmonie-Pub Abendessen.

Abends haben dann mein Besuch und ich zusammen mit Richard, meinem Gastbruder, eine Flasche Wein aufgemacht und noch gemütlich zusammengesessen. Dann kam noch Sara dazu, die leider morgen schon abreist, also hat sie auch noch ein Glas Wein bekommen und - weil dann der Wein schon alle war - noch ein Glas Whisky. Dann kamen noch Catherine und ihr Freund Matt dazu und es gab noch eine Runde Whisky und wir alle hatten zusammen einen sehr gemütlichen Abend.

Donnerstag, 14. August 2014

Kurz vor Kunst

Wie ich heute morgen so im Reinraum saß (und einen riesigen Schreck bekommen habe, als die Kamera sich plötzlich geweigert hat, die Bilder von gestern auszuwerten, was sich aber mit einer neuen Kalibrierung in den Griff bekommen ließ), wurde mir bewusst, dass ich etwas Fundamentales übersehen hatte:
wenn ich die lange im Ofen getrockneten Kleberstücke unter die Kamera lege und zusehe, wie sie sich mit Wasser vollsaugen, verbringen sie die erste Zeit damit, zusammenzuschrumpfen (weil sie gerade aus dem sechzig Grad heißen Ofen kommen), während sie parallel größer werden, weil sie sich mit Wasser vollsaugen. Das heißt, ich kann den Anfang aller meiner Messungen wegwerfen.
Also bin ich sämtliche Messungen nochmal durchgegangen und habe sie nochmal ausgewertet. Ächz.
Nach weiteren unspektakulären Aktivitäten (dem Vervollständigen der Liste - doppelächz - und dem nochmaligen Bestimmen der Unregelmäßigkeit von Kohlefasern - dreifachächz) haben dann Tim und ich einen weiteren Versuch gestartet, die Poisson-Zahl zu messen: mit einem riesigen Stück Kohlefaser, das in seinem gesamten Aufbau hart an der Grenze zu Kunst entlangschrammt :)
Eine ziemlich lustige Stunde haben wir dann dieses Ding gemessen und darüber philosophiert, ab welcher Stelle eine Kurve eine Gerade ist.

Dann war es auch schon Zeit loszuflitzen und den Mietwagen abzuholen: ich bekomme heute nämlich Besuch für ein Doppelgeburtstagswochenende: da wir beide diese Woche Geburtstag ha(b/tt)en, feiern wir dieses Wochenende zusammen. Hurra!

Mittwoch, 13. August 2014

Ein seltsamer Tag

Heute Nacht hat Maple gnädig beschlossen, mir noch eine Chance zu geben und bei mir zu schlafen - und die erzieherische Maßnahme vom letzten Mal hat geholfen: statt mir ins Ohr zu schnarchen und mich anzustupsen, hat er sich brav neben meinen Knien zusammengerollt (natürlich so mitten auf der Decke, dass ich mich nur zu zwei Dritteln zudecken konnte, aber man kann nicht alles haben).
Alles ging gut bis heute morgen um fünf. Da kam Oscar, die Nervensäge, vorbei, ist zum Spaß meine Gardine hochgeklettert, hat dabei zum Glück die Blumen nicht umgeworfen, und als ich ihn vor die Tür gesetzt habe und Maple - etwas ungehalten, weil gerade geweckt - aus dem Zimmer stolzieren wollte, hat sich Oscar auf ihn gestürzt. Also habe ich Oscar erklärt, was ich davon halte, um die Zeit wegen solchem Unsinn geweckt zu werden, habe alle Katzen ausgesperrt und bin zurück ins Bett gekrochen.

Und merkwürdig ging der Tag auch weiter: als ich dann im nur leicht strömenden Regen zur Uni patschte, fuhr vor mir ein Lieferwagen unter der Parkplatzschranke durch - und brach die Schranke ab. Etwas verdutzt guckten der nachfolgende Autofahrer und ich uns an (ich habe dann die quer auf der Straße liegende Schranke zur Seite geräumt) und ich fragte mich, was der Tag wohl noch so bereithalten mochte.

Es stellte sich dann schnell heraus, dass die abgebrochene Schranke definitiv der spannendste Teil des Tages war: da Tim mit seinem Studenten zu tun hatte, habe ich meine "zu erledigen, wenn nichts anderes anliegt"-Liste abgearbeitet und stundenlang die ganzen Messungen, die wir mit verschiedenen Kohlefaserstreifen an verschiedenen Geräten und auf verschiedenen Rechnern gemacht haben, zu sortieren, in eine extrem lange Liste einzutragen und mich zu langweilen.

Nachmittags hat dann Migräne eingesetzt und ich bin ins Bett geflüchtet.

Dienstag, 12. August 2014

Vielleicht nicht der beste Tag meiner Zeit in Liverpool

Der heutige Tag begann mit einem Albtraum:
als ich ins Labor kam und einen neuen Kleber-Aludosentopf in das Messgerät stecken wollte, gab es eine Fehlermeldung: Stickstoffzufluss verstopft. Warum? Ich hatte gestern Abend eine neue Messung starten wollen und die Kühlung angeschmissen, aber vergessen, die Messung zu starten, sodass das Ganze nicht wieder aufgeheizt wurde.
Das heißt, das System hat die ganze Nacht luftfeuchte Luft in ein minus vierzig Grad kaltes Rohrsystem gezogen, das Wasser in der Luft ist kondensiert und das Rohr ist zugefroren.
Dazu war übrigens die Stickstoffflussanzeige gesprungen.
Also bin ich ziemlich bedröppelt in Tims Büro geschlichen und habe gebeichtet und wir haben die Maschine aufgemacht, mit jeder Menge trockener Luft gespült und dann lief alles wieder. Und ich hatte nicht die Stickstoffleitungen des Reinraums zerstört. Und nicht ein mehrere-zehntausend-Pfund-Messgerät ruiniert.
(Tim: "Breeeaaaathe.")
Die Stickstoffflussanzeige war schon vorher kaputt.

Nach diesem etwas dramatischen Start in den Tag lief sonst eigentlich alles ganz entspannt weiter: wir haben einen Kohlefaserstreifen gebogen und ausgewertet und weil heute auch wieder Tims Studierende eingefallen sind, habe ich den Großteil des Nachmittags damit verbracht, Kohlefaser unter dem Smartscope zu betrachten.

Und zu frieren.
Meine Güte, war der Reinraum heute kalt. Nach dem Mittagessen habe ich mich richtig beim Rumtrödeln erwischt, nur weil ich nicht zurück in den Reinraum wollte.
(das ging übrigens nicht nur mir so - Sven, ein deutscher Doktorand, meinte auch, dass er den ganzen Tag friert)

Nachmittags dachte ich mir dann, dass es vielleicht doch langsam Zeit für eine längere Pause wird. Erst bin ich in den Reinraum marschiert, ohne mir dir Überschuhe anzuziehen (merkt man daran, dass man auf dem Boden quietscht), dann bin ich ins Büro gegangen und hatte die Überschuhe noch an (die konnte ich dann wegwerfen), und als ich abends nach draußen ging, habe ich angesichts des Geräusches quietschender Schuhe auf dem Boden kurz einen Schrecken bekommen, weil ich dachte, ich wäre ohne Überschuhe in den Reinraum gegangen. Ich brauche mal eine Weile Reinraumpause.

Abends kam ich dann nach hause und sah Leo lang ausgestreckt direkt vor meiner Zimmertür auf dem Teppich schlafen
und dachte mir "recht hat er, Zeit, schlafen zu gehen." Gute Nacht :)

Montag, 11. August 2014

Geburtstagstag!

Heute morgen kam ich nach ziemlich verworrenen Träumen die Treppe herunter gewankt und was fand ich dort in der Küche?
Einen Geburtstagstisch!
Komplett mit Geschenken und Glückwunschkarten von allen Mitgliedern der Familie (wirklich allen. Es gab eine Karte, die von den vier Katern unterschrieben war :)
Das hatte ich kein bisschen erwartet (genau genommen hatte ich sehr wenig Geburtstagsgefühl erwartet) und das war ein ganz herrlich überraschender Start in den Tag :)

Auf der Arbeit wollte ich mir dann ... also, es ist so: ich habe ja schon erzählt, dass wir unsere Kohlefaserplatten aus vielen einzelnen Schichten zusammenkleben. Es ist aber noch komplizierter: diese einzelnen Schichten könnten auch sehr unterschiedlich sein: glatt oder gewebt, mehr oder weniger Fasern, dichter oder weniger dicht und so weiter.
Wir verwenden vorbereitete Fasern von entweder 45 g/m^2 oder 100 g/m^2 und nachdem ich mir letzte Woche erstere unter dem Mikroskop angesehen habe, wollte ich heute letztere begutachten.
Das scheiterte daran, dass wir uns beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnten, welche der Kohlefaserstreifen aus welchem Material bestehen (zum Beispiel: ein Streifen der Dicke 0.3 mm kann entweder aus drei Schichten von dem dicken Zeug oder aus sechs Schichten von dem dünnen Zeug bestehen - wenn man nicht weiß, wieviele Schichten es enthält, lässt sich das unmöglich feststellen).
Also habe ich meinen Vormittag damit verbracht, ALLE Kohlefaserstreifen, die wir jemals angefertigt haben, zusammenzusuchen, meine Laborbuchaufzeichnungen von zweieinhalb Monaten daneben aufzuschlagen und für jeden Tag einzeln durchzugehen, was wir gebastelt und in was für Streifen wir es zerschnitten und was für Messungen wir damit gemacht haben.
So sah das Ganze vorher aus:
 und so sah es hinterher aus.
Da brauchte ich dann erstmal einen Kaffee.
(Beim Kaffee wurde übrigens mein Shortbread gelobt. Briten haben mein Shortbread gelobt! Ich bin vor Stolz fast geplatzt.)

Nach dem Mittag konnte ich dann die Messung machen, die ich eigentlich machen wollte, und dann haben Tim und ich einen weiteren Versuch unternommen, die Poisson-Zahl zu messen (es bleibt spannend!): statt die Spannung im Material mit Dehnungsplättchen auszulesen, haben wir die Kohlefaser angesprüht und sie unter dieselbe Kamera gehalten, mit der wir auch dem Kleber beim Trocknen oder Warmwerden zusehen, um zu gucken, wie sehr er sich ausdehnt.
 Ergebnis: die Änderungen sind zu klein für die Kamera - wir werden uns jetzt Abmessungen für einen neuen Versuch ausdenken, die zu großen, sichtbaren Änderungen führen, aber nicht dazu führen, dass die Kohlefaser zerbricht, wenn man draufdrückt. Oh und biegsam muss sie auch immer noch sein.
Es bleibt spannend.
(Ich habe das Gefühl, ein signifikanter Teil meiner Doktorarbeit wird überschrieben sein mit "Wie man die Poissonzahl von Kohlefaser nicht messen kann")

Zuhause bekam ich dann von Sara sogar noch einen Blumenstrauß überreicht
und habe meine vielen lieben Geburtstagsnachrichten gelesen und beantwortet, beziehungsweise entgegengenommen. Vielen lieben Dank für die vielen lieben Glückwünsche - ich habe mich sehr gefreut :)

Zum Abschluss eines Geburtstags, der viel schöner war als erwartet, war ich noch mit Richard und Sara auf ein gemütliches Abendessen und einen Cider im Pub.
Und weil wir so richtig viel Glück hatten, konnten wir auf dem Heimweg sogar noch den grandiosen Mond sehen. Hier etwas verwackelt. Cider und eine Minute Belichtungszeit vertragen sich nicht besonders.

Sonntag, 10. August 2014

Ein Tag mit der britischen Eisenbahn

Heute bin ich dann noch dem Ratschlag meiner Kollegen gefolgt und war im Nationalen Eisenbahnmuseum. Das klingt wahrscheinlich ziemlich langweilig, aber es ist echt der Wahnsinn.
(gewonnen hatten sie mich ja schon, als ich die Aufbewahrungsfächer gesehen habe, einen der wenigen Orte im sonst eher angesichts unbewachter Gepäckstücke nervösen England, an dem ich meinen bis offen vollgestopften Rucksack abladen konnte, statt ihn mit mir herumzuschleppen)

Und dann wurde es noch besser!
Es gibt einen Miniatureisenbahnhof, den Zug, der zwischen England und Frankreich fährt in einem Tunnel im Originalmaßstab
und jede Menge ungeheuer große eindrucksvolle Züge aus verschiedenen Zeiten und Regionen
sogar einen der wahnsinnig schnellen japanischen Shinkansen-Züge! Und ein Modell der "Rocket", dem Zug, der auf einer der ersten Eisenbahnlinien der Welt fuhr: zwischen Manchester und Liverpool
und ganze Wände voll Namensschildern von ehemaligen Zügen
und einen Minizug, das sogenannte Haustier, das sich die Bahningenieure gebaut haben, um sich Werkzeuge und Materialien hin und her zu schicken und das sie ihr Haustier genannt haben.

130.000 Züge wurden in Großbritannien zwischen 1800 und 1960 gebaut. Und hier was Putziges: es gibt hier ja sowieso ein eher, sagen wir, unintuitives Einheitensystem: ein foot sind 12 inches, ein yard sind 3 feet und eine Meile sind 1760 yard. Als wäre das nicht putzig genug: als man sich auf ein Standardmaß für den Abstand zwischen Bahngleisen festlegte, entschied man sich für ...
4 feet und 8 1/2 inch.
Hat sich mal jemand über Gleis 9 3/4 bei Harry Potter gewundert? Ich jetzt nicht mehr :)

Von der Halle mit all den Zügen
kommt man ins Warenlager.
Und der Begriff wird dieser Sammlung nicht annähernd gerecht, die alles beinhaltet, was irgendwie mit Zügen zu tun hat: Bahnhofshallenmobiliar, Namensschilder, Geschirr aus den Speisewagen, Hinweisschilder, Fahrkartenautomaten, Modelleisenbahnen, Weichensteller, Statuen, Uniformen und - wiederum mein Favorit - eine Sammlung mit allen Proben von allen Gesteinen auf dem Weg der britischen Eisenbahn.

Und einen Geruchsautomaten, an dem man die verschiedenen Bereiche des Bahnhofs erriechen kann.

Danach ging es dann weiter mit den Abläufen, wo einem erklärt wird, wie die Bahn funktioniert: Flaggensignale und Ampelsignale und Weichenstellung und Abstandshaltung und warum es dann eben manchmal doch nicht funktioniert :)


 Zum Abschluss gibt es dann noch ein ganz besonderes Schmankerl: eine Sammlung der Züge der königlichen Familie: den Originalzug, in dem Königin Victoria damals durch das Land gefahren ist
und den gepanzerten Zug, in dem die königliche Familie während des zweiten Weltkriegs durchs Land gefahren ist, um die Moral zu heben und den Zug, in dem einer der Könige einen Extra-Rauchersalon hat einbauen lassen
und einen kompletten nachgebauten Bahnsteig mit Milchwagon und Kühl-Fisch-Wagon und Obstwagon und Gepäckwagen und Viehwagon und und und. Wirklich toll.
Meine Lieblingsgeschichte aus der noblen Flying Scotsman, die alles zu bieten hatte, was es damals an Luxus gab, um die acht-Stunden-Fahrt erträglich zu machen: wenn den Köchen im Speisewagen irgendeine Zutat ausging, haben sie eine rohe Kartoffel genommen, sie ausgehöhlt, einen Zettel mit der fehlenden Zutat hineingesteckt und sie bei der nächsten Gelegenheit an das Signalwärterhäuschen geworfen. Der hat dann die Kartoffel gelesen, die benötigte Zutat dem nächsten Bahnhof gemeldet und dort stand dann beim nächsten Halt alles bereit und konnte an Bord genommen werden.

Nachdem ich dann ausgiebig über Züge, Abläufe und mögliche Gründe für Zugunglücke informiert war, war ich etwas entmutigt, als ich wieder nach draußen kam und die Überreste von Hurricane Bertha sich alle Mühe gegeben haben, einen Eindruck des Weltuntergangs zu vermitteln, aber - ihr werdet es nicht glauben - meine vorerst letzte Zugreise in England verlief pünktlich, umleitungsfrei und abgesehen von gruseligem Wetter absolut ereignislos. Ich war wirklich beeindruckt.

Abends habe ich mein Glück dann beim Backen von Pekannuss-Shortbread auf die Probe gestellt, immer noch umgeben von Weltuntergangswetter. Weltuntergangs-Pekannuss-Shortbread.

Ein Tag in York

Ich weiß, ich weiß, ihr seht jetzt diesen Blogeintrag und denkt euch: "der hört ja überhaupt nicht mehr auf", aber ich habe auch wirklich viel unternommen heute und ein paar interessante Dinge zu erzählen, ich empfehle daher, wenigstens bis zu dem Teil mit der Schokolade zu lesen :)

Morgens bin ich zum York Castle Museum gestiefelt - ein wirklich gutes Museum, weil es darin nicht um Krieg und Politik geht, sondern um das alltägliche Leben der Menschen. Besonders schön darin sind typisch eingerichtete Räume aus verschiedenen Epochen,

 eine Küche, in der traditionelle Gerichte aus verschiedenen Zeiten gekocht und gebacken werden (zur Zeit - anlässlich des 100. Jahrestags des 1. Weltkriegs - Gebäck, das erfunden wurde, um die Nahrungsmittelknappheit zu umgehen: Ingwerkekse mit Haferflocken statt Mehl und dergleichen),

 Erläuterungen zu den wichtigsten Ereignissen im Leben der Menschen zu verschiedenen Epochen (zum Beispiel was Hochzeitsmode angeht: ursprünglich trugen die Leute einfach ihre beste Kleidung zu Hochzeiten und erst im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Hochzeitsmode völlig von Alltagskleidung losgelöst.
Und mein besonderer Favorit: Trauermode. Der Ehemann von Königin Victoria ist relativ früh gestorben, woraufhin sie den Rest ihres Lebens lang Trauer getragen hat und die soziale Verpflichtung für Witwen, anständig für Trauer gekleidet zu sein, immer mehr zunahm: verschiedene Stadien der Trauer, die verschiedene Kleidung erforderten, die jeweils extra angefertigt wurde und meist nicht lange hielt, bis ein zeitgenössischer Schriftsteller sich beschwerte, dass die Leute mehr Geld für Trauerfeiern ausgaben als für Geburtsfeste und Taufen)

und dann noch ein Stadtzentrum, in dem man herumlaufen und sich die Läden ansehen konnte: Apotheke, Polizei, Sattelmacher, Süßigkeiten-, Spielzeug-, Lebensmittel-, Hut- und Kleidungsgeschäfte und und und.

Mein Favorit dabei war die Kakaostube und diese Einrichtungen haben wirklich eine interessante Geschichte: besonders während der industriellen Revolution gab es riesige Slums von Arbeitern, die tagsüber gearbeitet haben, abends ihr Geld bekamen, in den Pub gingen und sich betrunken haben: es gab ständig Streitigkeiten in den Familien, Morde unter den Betrunkenen und so weiter.
Und dann kamen die Quäker. Die Quäker schauten sich das alles an und wollten etwas dagegen tun, also haben sie Kakaostuben gegründet. Dort konnte man mit seiner ganzen Familie hingehen (im Gegensatz zu Pubs, die damals keine Kinder erlaubt haben), alkoholfreie Getränke trinken, es gab bildende Vorträge (zum Beispiel zu Hygiene), Diashows, mit Bildern von anderen Ländern, und Klaviermusik - alles von Quäkern, die sich freiwillig damit beschäftigt haben und ihre Zeit der Verbesserung der Lebens in den Slums gewidmet haben.
Dann kamen die Fanatiker und haben die Kakaostuben genutzt, um ihre Religion zu predigen, was alles etwas ruiniert hat, aber trotzdem war es bis dahin eine echt gute Sache.

Vom Castle Museum aus bin ich durch den Teil der Stadt gegangen, für den York berühmt ist: die Shambles - eine Straße, die fast im original-mittelalterlichen Zustand erhalten ist. Sehr hübsch (mit Markt daneben, auf dem es originale altmodische Zitronenlimonade-Wagen gibt, die sehr leckere frische Zitronenlimonade machen).

Von dort aus ging es weiter zum wichtigsten Wahrzeichen von York: dem Münster (das eine Kirche ist, weil es dort Gottesdienste gibt, und eine Kathedrale, weil es dort einen Erzbischof gibt (in England gibt es nur zwei Erzbischöfe: Canterbury und York, was York zur zweitwichtigsten Stadt der anglikanischen Kirche macht) und ein Münster, weil es gegründet wurde, um das ringsum liegende Land zu missionieren.
 Nach nur etwa einer halben Stunde Schlangestehen, um in das Münster zu kommen, war ich auch schon drinnen, und hatte das Glück, dass direkt danach eine geführte Tour durch das Innere losging, die wirklich gut war.
Hier ein paar Höhepunkte.
Hier (links und rechts, weiter unten ist auch noch ein richtiges Foto) sieht man das wunderhübsche Chorgestühl der Kirche - allerdings alles nachgemacht, weil irgendwann mal ein unzufriedener Yorker, der fand, die Kirche mache alles falsch, sich nach dem Gottesdienst dort versteckt und dann das gesamte Chorgestühl angezündet und damit sogar das Dach ruiniert hat.
Danach hat sich das Yorker Münster dann die erste Polizei von ganz England zugelegt - um ihr Münster zu bewachen.
 Das Münster ist über 1400 Jahre alt - ursprünglich eine kleine Holzkapelle, dann von den Römern ausgebaut, dann von den Wikingern neu aufgebaut und dann nochmals neu aufgebaut (man kann unten in der Krypta die verschiedenen Fundamendschichten sehen - die Pfeiler, die das Hauptschiff tragen, stehen genau auf den Außenwänden des ehemaligen Wikingergebäudes).
Außerdem enthält es die Hälfte des gesamten in England erhaltenen Fensterglases aus dem Mittelalter: als nach dem Bürgerkrieg die reformatorischen Parlamentarier an die Macht kamen, mussten alle Heiligenbilder, Jesus- und Marienbilder zerstört werden und damit auch die meisten der Fenster. Nur dem Hauptmann der Yorker Wache, der sich buchstäblich seinen Leuten in den Weg gestellt hat, ist es zu verdanken, dass die Yorker Fenster allesamt erhalten geblieben sind.
 Hier noch eine meiner Lieblingsstellen der Führung: um die leeren Nischen zu füllen, wurden vor ein paar Jahren Figuren hineingestellt, die im Flaggenalphabet sagen "Christ is here". Dann mussten die Figuren kurz entfernt werden, als ein Film im Münster gedreht wurde, der zu reformatorischen Zeiten spielte - also durfte es keine Figuren geben.
Danach wurden die Figuren wieder aufgestellt und lange Zeit wurde allen erzählt, was sie bedeuten - bis irgendwann ein kleiner Junge sagte: "Nein, da steht 'Chris is there' - sie hatten das t an die falsche Stelle gestellt :)

Danach bin ich dann noch die 270 Stufen (ächz!) bis auf den Turm hinaufgewendelt (die Aussicht war herrlich)
 und war dann noch in der Krypta und Schatzkammer und - besonders schön - den Sonderausstellungen anlässlich der fortlaufenden Renovierungen, in denen man sehen kann, wie fehlende oder kaputte Sandsteinblöcke ersetzt werden und wie man die Fensterscheiben rekonstruiert: weil viele von ihnen so alt sind, dass sie schon mehrmals repariert wurden (tatsächlich gibt es in einem der Fenster Anmerkungen, wann es repariert wurde, eine davon mit dem Vermerk: mangelhaft, die einzige in einem Glasfenster festgehaltene Kritik Englands), wurden im Laufe der Zeit einfach immer mehr Bleistücke eingesetzt und die Fenster immer mehr zerstückelt. Heute kann man fehlende Teile nachbasteln und mit Klebern zusammenfügen, sodass die Fenster wieder aussehen wie ursprünglich. Glasfensterrekonstruktion scheint ein ziemlich interessanter Beruf zu sein.

Nach dem Münster kam eine echte Überraschung: das Yorker Schokoladenmuseum. Hat irgendwer schonmal was von York in Kombination mit Schokolade gehört? Ich auch nicht.
Hier das Interessante: Schokolade wurde in York erfunden (sagen jedenfalls die Yorker). Als sie aus Südamerika mitgebracht wurde, wurde sie hundert Jahre lang nur getrunken, und die Quäker in York waren es (übrigens Bekannte vom Gründer von Cadbury), die essbare Schokolade erfunden haben.
Damit geht die Tour auch los: man bekommt erst Schokolade, wie sie die südamerikanischen UreinwohnerInnen getrunken haben, dann Schokolade nach dem ursprünglichen Quäker-Rezept und dann kommt man in den aktuellen Bereich.
Weil wir ja 100 Jahre ersten Weltkrieg haben, gab es einen Extraraum für den Zusammenhang und das war ganz seltsam: dort gibt es Fotos von Männern, die den Krieg (teilweise mehrere Gasangriffe und Schüsse, davon einige aufgrund von stabilen Kakaodosen in strategisch gut platzierten Taschen) überlebt haben, ohne die es heute Dinge wie zum Beispiel KitKat nicht geben würde - da haben sie erfunden, als sie aus dem Krieg zurückkamen.
Schokolade bekamen damals viele Soldaten - das war ihre weihnachtliche Ablenkung von Salzfleisch und harten Armeekeksen und es gibt buchstäblich hunderte von Dankesbriefen von Soldaten an die Schokoladenfabrik.

Hier meine Lieblingsgeschichte:
während alle anderen Soldaten ihre Schokorationen aus angst vor Diebstahl in ihren Socken versteckt haben, gab es einen Lieutenant, der ständig soviel Schokolade von unbekannt zugeschickt bekam, dass er am Ende nicht wusste, wohin damit.
Warum?
Weil er Yorker war und es in der Yorker Zeitung einen Bericht über ihn gab - mit einem Foto von dem sehr attraktiven Menschen. Den sah eine der Arbeiterinnen in der Schokoladenfabrik, die ihren Job (das Verzieren von 1000 Pralinen pro Stunde für 55 Pence nach sechs Tagen Arbeit) dazu nutzte, Schachteln von Pralinen an den hübschen jungen Lieutenant zu schicken.
Was sie nicht wusste, war, dass jede Menge andere Arbeiterinnen in der Fabrik auch machten, sodass der Soldat dann mit Schokolade überschüttet wurde :)

Dann ging es weiter zum aktuellen Teil: was es für Kakaobohnensorten gibt (was ich nicht wusste: es gibt eine besonders seltene und edle Kakaosorte namens Criollo: eine Praline aus Schokolade dieser Sorte kostet etwa 150 Pfund!)
 wie man Schokolade schmeckt (ähnlich wie Wein gibt es auch dafür eine eigene Geschmackssprache), wie man Schokolade macht und wie man Pralinen macht.
Da gab es dann auch noch mehr hervorragende Kostproben.

Von dort aus bin ich zum Stadtwall gegangen (York ist eine der wenigen Städte mit fast völlig intakten Stadtmauern) und etwa ein Drittel der Strecke um das Stadtzentrum herum spaziert - das Wetter heute hat sich wirklich alle Mühe gegeben, die Überflutung von gestern, die York in klein-Venedig verwandelt hat, wiedergutzumachen.

Um 17:15 war ich dann nochmal im Münster, wo um die Zeit das Abendsingen stattfindet (unser Tourguide hatte uns davon erzählt): ein Gottesdienst, der hauptsächlich aus Wechselgesängen zwischen Chor und Priester (oder wie auch immer das in der anglikanischen Kirche heißt) besteht und zu der jeder vorbeikommen und im wunderhübschen Chorgestühl im Münster sitzen kann.
Könnt ihr die Glasrahmen hinter den Personen in der hintersten Reihe erkennen? Das ist ganz putzig: als das neue Chorgestühl gebaut wurde, war für die Männer gerade eine neue Pomade mit dunkler Farbe in Mode - und wenn die Männer dann im Gottesdienst eingeschlafen und ihre Köpfe nach hinten gesunken sind, haben sie blauschwarze Flecken im Holz hinterlassen. Deshalb wurden schnellstens hinter allen Sitzplätzen farbunempfindliche Glasrahmen aufgehängt.

 Nach einem gemütlichen Pub-Abendessen war ich dann noch bei einer Yorker Geister-Wanderung: man wird durch die Stadt geführt (entlang dem Schwarze-Katzen-Pfad: an vielen Häusern entlang des Weges sind Figuren schwarzer Katzen auf den Balkonen und Dächern)
und hört die Geistergeschichten der Stadt: ein kleines Mädchen, das während der Pest lebendig eingemauert wurde, eine römische Geisterarmee die auf den Knien durch den Keller des Schatzhauses marschiert, ein Hund im Münster und jede Menge Geister in einem Pub, die von zahllosen betrunkenen Gästen bestätigt wurden :)
Geister gesehen haben wir keine.

Und dann war es Zeit für den Heimweg: beleuchtet von einem wunderschönen Sonnenuntergang, bei dem York sogar noch hübscher aussah, bin ich auf der anderen Seite des Flusses auf der Stadtmauer zurückspaziert und habe mich auf dem Weg zum Hotel auch nur ein winzigkleines bisschen verlaufen.

Worauf ich mit all dem hinaus möchte: York ist eine sehr, sehr schöne Stadt und ich bin heilfroh, dass ich nochmal hierher gekommen bin.