Sonntag, 13. Juli 2014

Freitagnachmittagarbeitsmoral

Es ist ein bisschen lustig, wie die Arbeitswilligkeit zum Wochenende hin sinkt:
Als ich morgens an meinem Tisch saß und meinen Datenwust in übersichtliche Diagramme verwurstete, kam der erste vorbei, brühte sich einen Tee und fing ein Gespräch über Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und Zügen an.
Im Reinraum, wo ich meine frischgebackenen Klebstoffproben wiegen wollte, kam aus dem Nebenraum ein Techniker und unterhielt sich mit mir über Vergnügungsparks, eine Art Horrorpark im Norden von Liverpool wo ein Farmer jedes Jahr eine Armee SchauspielerInnen anheuert und aus seinen Farmgebäuden einen Gruselalptraum macht. Und Disneyland, da fährt er (also, der Techniker) nämlich nächstes Jahr mit seinen Kindern und Enkelkindern hin.
(Übrigens etwas Lustiges zu den Klebstoffen: nachdem sie getrocknet waren (wir wissen allerdings nicht, wie trocken, wegen der Luftfeuchtigkeit), haben wir sie das erste Mal gewogen, dann lagen sie tagelang in Wasser und wir haben sie zum zweiten Mal gewogen. Jetzt lagen sie vierundzwanzig Stunden im Ofen und sollten so richtig, richtig trocken sein - bringen aber immer noch mehr auf die Waage als direkt nach dem Kleben. Bei diesem Klebe-Feuchtigkeitskram ist echt nichts so, wie man es erwarten würde.)
Und wie ich dann später beim Datenauswerten saß, kam einer der Ingenieure vorbei und unterhielt sich mit mir darüber, welche Orte im Lake District ich unbedingt noch besuchen muss.
Aber ich will mich gar nicht beschweren - eigentlich freue ich mich ja immer, wenn jemand auf ein Schwätzchen vorbeikommt.

Nachmittags habe ich dann mit Tim wieder Kohlefaserstreifen gemessen. Nachdem wir jetzt alle kleinen Winkel (bis 15°) gemessen haben, wollten wir uns heute mal mutig den größeren Winkeln widmen. Da wir nur noch zwei Dehnungsmessplättchen hatten (man braucht zwei pro Streifen), hieß das: 30° (so mutig waren wir dann doch wieder nicht - die Streifen werden nämlich mit zunehmendem Winkel immer zerbrechlicher).
Nach meinem Erlebnis gestern habe ich Tim das heute alles machen lassen:
alles festschrauben (vorsichtig),
Streifen in die Klammern stecken ... vorsichtig ...
Klammern um den Streifen festziehen ... ganz vorsichtig ...
Schrauben ein bisschen lockern ... gaaaaaaaanz voooooorsichtig ....
Geschafft. (für solche Momente braucht man eigentlich Alkohol im Reinraum)
Extrem konservativ haben wir anfangs nur bis zu einer Last von 100 Newton gemessen, dann langsam erhöht und uns dann schließlich getraut, auf die angestrebte Last von 200 Newton zu erhöhen.
Ängstlich und ziemlich besorgt sahen wir zu, wie die Last immer höher kletterte ... 150 ... 160 ... 170 ... 180 ... 190 ... 195 ...
Tim: "Sieht aus, als würde er die 200 aushalten"
KNIRSCH (bei 198 Newton)
Wenigstens passiert das nicht nur mir.

Nach der Arbeit bin ich dann in meinen Zug nach Birmingham gesprungen, wo ich mich dieses Wochenende mit Lalita, einer guten Freundin von mir aus Chicago, die zur Zeit zufällig in London arbeitet, getroffen habe.
Da sie für ihre Arbeit regelmäßg in Marriott Hotels absteigt, hat sie dort zahllose Bonuspunkte angesammelt, sodass sie ein Doppelzimmer für uns gebucht und mich eingeladen hat.
Gegen halb zwölf haben wir uns dann in der Lobby getroffen. Und waren sogar für ein Glas Wein an der Bar zu müde.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Blötzinn

Heute morgen fühlte ich mich quasi als Physikerin geadelt:
es gibt da draußen viele Leute, die der Entdeckung des Higgs-Bosons skeptisch gegenüberstehen und ihre eigenen, sagen wir, Theorien über alles entwickeln: Teilchen, Energien, Masse und so weiter.
Darüber schreiben sie dann Bücher und halten Vorträge und mit Vorliebe suchen sie irgendwelche ElementarteilchenphysikerInnen im Internet heraus und bombardieren sie mit Fragen.
Und heute habe ich meine erste solche e-Mail bekommen, das heißt, ich bin vermutlich irgendwo aufgetaucht, wo der Mensch vermutlich regelmäßig nach neuen Opfern, äh, GesprächspartnerInnen sucht.
Da war ich ja ein bisschen stolz.

Tim war heute bei einem Meeting, also habe ich alleine weitergemacht und Kohlefaserstreifen getestet. Da man beim derzeitigen Messaufbau
den Aufbau an ungefähr acht Stellen fest stellen kann/muss und ich panische angst hatte, schon wieder einen der Streifen kaputt zu machen, habe ich nur ganz vorsichtig an einem der Räder gedreht ...
vorsichtig ...
gaaaaanz vorsichtig ...
KNIRSCH

Als hervorragenden Auftakt zu einem Arbeitstag habe ich den ersten Streifen gleich furchtbar zerbrochen.
Als wäre das an sich nicht schlimm genug, musste ich, um einen neuen Streifen zu testen, den nicht nur in die Maschine einspannen, sondern auch noch die vier winzigen Drähte an den Enden festlöten.
Dazu fühlt man sich natürlich hervorragend in der Lage, wenn man gerade das letzte Exemplar zerstückelt hat. Oh und - das sollte ich vielleicht erwähnen - seit der sechsten Klasse nicht mehr gelötet hat.
Aber: es hat geklappt. Eine zittrige halbe Stunde später waren alle Kabel verlötet und ich konnte messen und diesmal hat es auch funktioniert.

Parallel habe ich übrigens die ätzendste Messung durchgeführt, die ich bisher hatte: eine Langzeitmessung der Feuchtigkeits-Ausdehnungs-Messung, bei der man acht Stunden lang alle halbe Stunde in den Reinraum gehen, sich komplett in Reinraumkleidung vermummen und die Werte ablesen muss.
Hoffentlich sind die Ergebnisse nicht besser als die davor, sonst muss ich das noch siebenmal machen.


Kurz vor Dienstschluss haben dann Tony und ich uns bemitleidet, weil die anderen in den Pub gegangen sind und wir nicht:
ich, weil ich noch nicht fertig mit den Messungen war und Tony, weil er noch seinen Sohn von der Kita abholen musste und nicht angetrunken fahren wollte.
Und nicht mit einer Bierfahne auftauchen wollte.

Abends hatte ich dann immer noch so ein schlechtes Gewissen wegen des zerbrochenen Streifens, dass ich die Daten, die ich tagsüber gesammelt habe, noch ausgewertet habe. Maple hat mir geholfen :)
P.s. ich bin am Wochenende mal wieder weg und hole die fehlenden Blogeinträge vielleicht erst am Sonntag nach ... ihr kennt das ja

Mittwoch, 9. Juli 2014

ein Migränetag

Nachdem ich mich gestern Abend gerade noch aufraffen konnte, die Daten auszuwerten, hatte dann später eine ausgewachsene Migräne eingesetzt.

Zehn Stunden Schlaf und eine Tablette später war ich immerhin soweit wiederhergestellt, dass ich zur Uni fahren konnte (Tim und ich wollten heute die Messung für morgen vorbereiten, die ich alleine fortsetzen werde, weil er nicht da ist. Deshalb war es halbwegs wichtig, heute dort zu sein), aber als wir dann gegen Mittag fertig waren, habe ich mir den Nachmittag frei genommen.

Und gebadet. Und gelesen. Und einen Käsekuchen gebacken. Was man halt so macht, wenn man zwar keine Kopfschmerzen mehr hat, aber immer noch auf halber Geschwindigkeit läuft.

Dienstag, 8. Juli 2014

Warum einfach ...

Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Messung mit den Kohlefaserstreifen, die ständig kaputtgegangen sind, statt sich ordentlich ausdehnen zu lassen?

Da dabei nicht nur die Streifen kaputtgegangen, sondern auch noch falsche Ergebnisse herausgekommen sind, hat Tim den Messaufbau überarbeitet, während ich weg war.

Während man vorher den Kohlefaserstreifen oben und unten eingespannt und dann die Messung gestartet hat, muss man jetzt:
- die Oberfläche von dem Kohlefaserstreifen anrauhen
- ein kleines Plättchen aufkleben, das die Dehnung in einem Material messen kann
- nicht rutschende Kunststoffplättchen auf beiden Seiten des Kohlefaserstreifens aufkleben
- zwei Drähte auf die Kupferkontakte des kleinen Dehnungsmesstreifens löten
(so sieht das Ganze dann aus)
- dann klemmt man die beiden Kunststoffplättchen zwischen die Haltekammern
- dann muss man die Drähte noch an zwei weitere Kontakte löten, mit denen man die gemessenen Werte auslesen kann

Und dann braucht man noch eine extra-Zelle, die man zwischen die Klammern und die Zugeinheit hängen kann, damit man die angelegte Kraft auch auslesen kann.

Das Gute ist, dass die Ergebnisse damit so aussehen, wie sie sollen. Meistens.
Das Schlechte ist, dass wir noch nicht herausgefunden haben, warum sie manchmal gut und manchmal schlecht sind.
Aber wir haben ja noch Zeit :)

Montag, 7. Juli 2014

und zurück in die Wirklichkeit

Heute habe ich dann erst meinen Besuch wieder zum Flughafen gebracht und dann das Auto in die Stadt, war einkaufen und habe mich dann mit einem Buch, dem Laptop, einer Tasse Tee und der Schokolade, die mir mein Besuch mitgebracht hat, ins Bett verkrümelt, um über den Abschied von Schottland und meinem Besuch hinwegzukommen.
Und zum Abendbrot gekocht. Das hat geholfen :)

Rückkehr aus dem Paradies

Der Sonntag, an dem wir dann leider wieder zurück mussten, begann immerhin so gut wie nur möglich mit einem guten schottischen "fully cooked"-Frühstück mit Kartoffelpuffern und gebratenen Pilzen und Tomaten und und und
Von unserem Wohnort für die zwei Tage sind wir dann nochmal in das wunderschöne Glen Affric gefahren und haben noch eine kleine Wanderung zum Fluss Affric unternommen.
 Und von dort aus ging es noch eine Weile am Fluss entlang

und hinauf zum Ausgangspunkt.
Dank der Kamera-Panorama-Funktion meines Besuchs konnten wir auch den gesamten wunderschönen Blick auf das Tal festhalten.
Einen kurzen Zwischenstopp mit Picknick an einem See später,
an dem es so wunderschön still und lauschig war, dass ich das kurz als Video zeigen muss
waren wir dann wieder auf dem Weg zurück Richtung Süden. Dabei kamen wir auch durch die szenische Straße am Eingang der Highlands, die wahrscheinlich eine der schönsten in Schottland überhaupt ist (hier ein paar Fotos, weil sie so wunderschön ist).
Eigentlich wollten wir auch noch in eine andere Destillerie, aber nur weil im Internet steht, dass sie von 11 bis 16 Uhr offen hat, heißt das natürlich nicht, dass sie 15 Uhr noch offen ist (falls ihr euch jetzt denkt "eigentlich doch" - ja, das dachten wir auch).
Also sind wir stattdessen woanders hin gefahren.
 Um zu verstehen, wohin, muss man entweder den letzten James Bond Film (Skyfall) gesehen haben oder kurz diesen Ausschnitt gucken.
In der Realität sieht die Fahrt dorthin so aus
und dann drängt sich der Gedanke auf, dass die in dem Film den einen oder anderen Farbfilter über die Szene gelegt haben, denn im Vergleich zu dem Filmfoto sieht das Foto in der Realität so aus:
Eine kleine Freude am Rande.

Dann war es endgültig Zeit, nach Liverpool zurückzukehren und gegen halb zwölf waren wir dann wieder in der heimatlichen Thingwall Road, wo wir noch ein kleines Nachtmahl mit meiner Gastfamilie gegessen haben und dann todmüde ins Bett gefallen sind

ein Tag in den Highlands

Nach den sieben Stunden Autofahrt vom Vortag haben am Samstag den Großteil des Vormittags verschlafen, haben uns dann ein lauschiges Picknickplätzchen gesucht und dort scones (süße Brötchen) mit Erdbeermarmelade und Schlagsahne gefrühstückt
und sind dann weiter in die nächstgelegene Destille für Highland Whisky gefahren: die Glen Ord Brauerei. Dort haben wir nach einer Runde durch das Besucherzentrum eine Führung durch die Destille bekommen (und das war ziemlich eindrucksvoll: am spannendsten waren die Bottiche, in denen die Maische mit der Hefe reagiert: die Bottiche brodeln und sprudeln, als würde man Bier auf dem Herd kochen, aber man führt weder Hitze zu noch rührt um: alles brodeln und schäumen kommt nur von Hefe, die sich in einem acht Meter hohen Holzbottich mit Zucker vollstopft).
 Der Whisky an sich war jetzt nicht soooo umwerfend (Glen Ord wird in Europa fast nicht verkauft, sondern in riesigen Mengen fast ausschließlich für den Export und die Duty Free Shops in Singapur und Hongkong produziert, wo er mit Cola und Eis getrunken wird), aber die Tour war super.
Danach ging es weiter ins Glen Affric, eines der schönsten Täler Schottlands, wo wir erst ein Mittagspicknick gemacht haben (dabei stellte sich heraus, dass der ChamPIONs Pie gar keine Champignons enthält (auch keine Champions), sondern hauptsächlich Hackfleisch) und dann losgewandert sind.

Vom Picknickplatz aus ging es den Berg hinauf zu einem hübschen Aussichtspunkt

 weiter durch ungeheuer idyllische schottische Hochland-Idylle.

Natürlich hat es dann irgendwann angefangen, zu regnen, aber entgegen der üblichen Vermutungen waren wir hervorragend auf jede Art von Wetter vorbereitet.
 Von dort aus ging es weiter zu einem winzigkleinen See mitten zwischen den Hügeln und das Wetter machte eine 180-Grad-Wende von Novemberregen zu Julisonne, was den See noch hübscher gemacht hat.
Auf dem Rückweg kamen wir dann zu den Dog Fall Wasserfällen (die man leider von keiner Stelle aus gut auf ein Foto bekommt) und haben uns von dem herrlichen Wetter verleiten lassen, uns auf die Steine im Fluss zu setzen und die Füße in das eiskalte schottische Bergquellwasser zu halten.
 Zum Abschluss des Tages gab es dann noch einen Whisky und dann hatte die frische Luft uns Großstadtpflanzen völlig erschöpft.